Sonntag, 5. März 2017

Follow the leader: Esos und VT im „kritischen“ Reigen



NSU, NSA, Snowden, Ramstein und Drohnen sowie die Armutsberichte der Bundesregierung sind nur einige wenige Beispiele, die genügend Stoff liefern, um ‚offiziellen‘ Darstellungen von Regierungen grundsätzlich und mit gutem Grund skeptisch gegenüber zu treten. Daraus speist sich letztlich die Notwendigkeit und Bedeutung von kritischen und alternativen Medien und Medienformaten wie u. a. Makronom, Wirtschaft und Gesellschaft oder Tilo Jung. Zu diesem Kreis zählen für viele auch die Nachdenkseiten(NDS).

Am 7. September 2016 wurde dort ein Beitrag zu 9/11 eingestellt, der an der ‚offiziellen‘ Darstellung des Anschlags auf das WTC zweifeln lässt. Nun will ich gerne zugestehen, dass das ein kontroverses Thema ist und es auch Gründe geben kann, gerade die offiziellen Darstellungen zu kritisieren. Aber wer den Beitrag auf den NDS las, der oder die musste sich verwundert die Augen reiben, da der Beitrag vom Niveau her locker aus der ‚Truther‘-Bewegung (Wikipedia) stammen könnte. Die ewigen Besserwisser mögen nun mit Häme einwenden, dass der Qualitätsverlust der NDS doch schon länger greifbar gewesen sei. Spätestens mit dem Weggang von Wolfgang Lieb (23.010.2015) hätte ein nun für alle sichtbarer Grunde vorgelegen, die NDS stärker zu hinterfragen. Dennoch hatte ich persönlich nicht mit einem solchen Tiefpunkt gerechnet. Ich war deshalb reichlich schockiert, dass die Leserinnen und Leser hier mit diesem Beitrag in den Sumpf esoterischer Verschwörungstheorien (VT) geführt werden sollten.

Einige Gründe, die den NDS-Beitrag als esoterisch und VT einordnen lassen, finden sich auf endless.good.news. Vor diesem Hintergrund möchte ich auf einen Artikel von Kai Ruhsert verweisen, der im Januar 2017 auf dem ‚Blog der Republik‘ (BdR) publiziert wurde und sich kritisch mit einem Video-Vortrag über den Anschlag auf das WTC auseinandersetzt. Interessant ist Ruhserts Artikel deshalb, weil viele der dortigen Argumente auch auf den besagten NDS-Beitrag übertragen werden können. Aber noch interessanter wird dieser Artikel dadurch, dass Ruhsert selbst einmal bei den NDS tätig war und zu seiner Zeit der besagte NDS-Beitrag zu 9/11 sicher nicht publiziert worden wäre. Allerdings zeigt die Diskussion, die sich in den Kommentaren zu Ruhserts Kritik auf dem ‚Blog der Republik‘ (BdR) entspann, ein sehr grundlegendes Problem im Umgang mit Esoterik und esoterischen VTs im Speziellen. Vom naturwissenschaftlichen Weltbild ‚wahrer Fakten‘ ausgehend mag es nämlich konsequent sein, ‚fakes‘, Halb- und Unwahrheiten sowie Manipulationsversuche durch Sachargumente, ‚Fakten‘ usw. zu entkräften. Doch droht die Diskussion dann in Fachdetails abzudriften und sich auf Nebenschauplätzen zu verlaufen. Wer als Laie ohne Fachwissen diese Debatten verfolgt, ist deshalb vor das Problem gestellt, ob und wem geglaubt werden kann.

Allerdings liefern oft bereits die Art der Argumente, ihr Kontext sowie die konkrete Struktur der Argumentation und (ggf.) Diskussion erste Anhaltspunkte dafür, was – auch ohne Fachdetails kennen zu müssen – von den jeweiligen Beiträgen und Aussagen zu halten ist. Zur Klarstellung will ich betonen, dass ich damit nicht das Gewicht einer ‚Fakten‘-, Fach- und Detaildiskussion schmälern möchte. Aber wer über kein Fach- und Detailwissen verfügt, dem oder der hilft die Sensibilität für bestimmte Argumentationsstrategien oder -muster, um Fragen zu stellen, deren Antworten zumindest ein wenig Orientierung in der Einschätzung bestimmter Aussagen, Darstellungen usw. liefern.

Von Zirkelschlüssen bis Schopenhauer

Das fängt bei ganz allgemeinen Argumentationsmustern wie logischen Zirkeln bzw. Zirkelschlüssen an, wo eine Argumentationskette aufgebaut wird, an deren letzter Stelle der Verweis auf ein bereits erwähntes Argument erfolgt. Verfeinert werden kann diese Technik dadurch, dass die Argumentationskette über eine ‚lange Strecke‘ aufgebaut wird (d. h. verschiedene Absätze, Seiten, Kapitel usw.). Leserinnen und Lesern ist dann nicht immer sofort bewusst, dass es sich um logische Zirkel handelt. Etwas scheint dann als ‚begründet‘, obwohl es nur die Wiedergabe eines bereits genannten Arguments ist.

Ein anderes Argumentationsmuster läuft auf Argumente hinaus, die nicht mehr hinterfragt werden oder hinterfragt werden sollen/können. Gemeint ist damit der Verweis auf ‚Selbstevidenz‘, Selbstbegründung, ‚Selbsteinsicht‘, Intuition oder Erfahrung. Der Klassiker ist der Verweis auf den ‚gesunden Menschenverstand‘. Vorsicht ist deshalb angebracht, weil die Frage im Raum steht, wer festlegt, was ‚gesund‘ und ‚Menschenverstand‘ (also ‚vernünftig‘) ist. Sobald der Verweis auf den ‚Menschenverstand‘ erfolgt, kann jedenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es hier nicht um’s ‚Verstehen‘ eines Sachverhalts geht, sondern eine Behauptung einfach ‚geglaubt‘ werden soll.

Aktiv bewirkt werden kann dieser Effekt zum Beispiel durch das Zeigen eines Fotos oder eines Videos, bei dem die entsprechende Interpretation gleich mitgeliefert wird: Die Kritik von Kai Ruhsert (Blog der Republik) hinsichtlich der Verwendung einer ganz bestimmten Videosequenz, die dem Publikum den Eindruck eines symmetrischen Einsturzes des WTC-7-Gebäudes vermittelt, läuft im Grunde auf diese Strategie hinaus. Das Publikum sieht dann in unmittelbarer Erfahrung, dass das WTC-7 symmetrisch eingestürzt ist und dann muss es wohl auch so gewesen sein. Der Trick ist, dass unmittelbar wohl auch niemand auf die Idee kommt, das zu hinterfragen. (Was auch am ‚Gruppeneffekt‘ liegen kann. Denn das, was gezeigt wurde, das ist eine ‚Gruppenerfahrung‘ und wer stellt sich gerne gegen die Gruppe?)

Darüber hinaus gibt es auch verschiedene Immunisierungsstrategien. Diese können darauf gerichtet sein, bestimmten Kritikpunkten präventiv – also im Vorfeld – bereits den Wind aus den Segeln zu nehmen, z. B. durch ‚Leerformeln‘ bzw. schwammige Begriffe oder Aussagen oder den eben erwähnten Verweis auf den ‚gesunden Menschenverstand‘. Aber auch über längere Argumentationssequenzen (Artikel- und Buchserien) und in konkreten Diskussionen können Immunisierungsstrategien beobachtet werden. Diese modifizieren den Gehalt oder die Ausrichtung der ursprünglichen Aussage. Das kann einerseits erneut durch die eben genannten Präventiv-Strategien erfolgen, aber andererseits auch durch die Ausweitung der ursprünglichen Aussage, die Verlagerung ursprünglich genannter Gründe oder durch andere rhetorische Finten, wie z. B. das bewusste Abdriften in Details, das Werfen von ‚Nebelkerzen‘ oder das Ausnutzen von Wissensdefiziten.

Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt, weshalb ich an dieser Stelle der Einfachheit halber auf Schopenhauers Eristische Dialektik (Wikipedia) verweisen möchte, die zahlreiche Argumentationsstrategien bereithält und auch für den Umgang mit Esoterik und VTs aktuell ist. Wegen des zum Teil recht illustrativen Wortlauts empfehle ich auf jeden Fall einen Blick ins Original (z. B. Projekt Gutenberg).

Da Immunisierungsstrategien nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind, kann es ratsam sein, sich bei Debatten und Artikeln, bei denen Esoterik vermutet wird, erst einmal zurückzunehmen und sie aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Wenn die Kritik an bestimmten Aussagen, Darstellungen etc. dem Versuch gleicht, den bekannten Pudding an die Wand zu nageln, dann deutet das auf Immunisierungsversuche hin. Hilfreich kann es sein, nach dem ‚springenden Punkt‘ – also den zentralen Argumenten – zu fragen. Welche Argumente bilden das Fundament der Aussagen? Hilfreich wird es dann ebenso, bei den als ‚zentral‘ empfundenen Argumenten nachzuhaken, was denn eigentlich genau gemeint ist. Wenn darauf nur Leerformeln geliefert werden (also keine Kriterien, mit denen eine Aussage, ein Argument auch abgelehnt werden kann), dann liegt ziemlich sicher ein Immunisierungsversuch vor. Ein wichtiger Prüfstein findet sich außerdem in der Frage, ob es sich hinsichtlich bestimmter Aussagen, Darstellungen etc. auch anders verhalten kann als es vorgegeben wird. Gibt es die Argumentation her, auch eine ganz andere Schlussfolgerung zuzulassen? Wenn nicht, dann sollte mensch große Skepsis walten lassen.

Von der Theorie zur Praxis

Neben Schopenhauers allgemeinen Argumentationsstrategien können weitere Argumentationsmuster benannt werden, die mir in esoterischen Beiträgen – zu denen auch Verschwörungstheorie-Beiträge zählen – geradezu archetypisch auffallen. Davon seien ein paar kursorisch genannt, die sich zum Teil auch im erwähnten NDS-Beitrag finden lassen.

1. Präventive Distanzierung und Umdeutung: Um dem negativen Ruf esoterischer Verschwörungstheorien entgegenzutreten, mag es hilfreich sein, den entsprechenden Vorwurf aktiv aufzugreifen und zu thematisieren. Dies kann z. B. durch eine Distanzierung von ‚esoterischen‘ Verschwörungstheorien erfolgen, wobei die eigene VT natürlich als ‚seriös‘ dargestellt wird. Diese Distanzierung ist auch im erwähnten NDS-Beitrag zu finden, wobei sich die Frage stellt, inwiefern die dort genannten esoterischen VTs nicht vielleicht sogar nur Strohpuppen oder ‚rosa Elefanten‘ sind (Distanzierung von VTs, gemäß der das WTC mit Atombomben gesprengt worden sei oder gar keine Flugzeuge existiert hätten). Begleitet ist diese Strategie von der präventiven Umdeutung. Das, was ‚esoterische‘ Verschwörung ist, wird dort auf eine so harmlose wie kritisch notwendige Infragestellung ‚offizieller‘ Darstellungen reduziert. Zusammen ergibt beides eine recht clevere Strategie, denn indem die Distanzierung von offensichtlich abstrusen esoterischen VTs erfolgt, wird auf der anderen Seite durch die Umdeutung von VTs genau diesen VTs die Türe geöffnet. Der besondere Trick liegt auch darin, das eigentliche Problem esoterischer VTs zu überspielen. Es ist nämlich nicht so, dass esoterische VTs abstrus sein müssen, sondern im Gegenteil, dass sie durch das Erheischen von ‚Glaubwürdigkeit‘ fragwürdige und einseitige Erklärungsmuster bieten, bestimmte Vorbehalte verstärken können (z. B. Antisemitismus, Antiamerikanismus, Anti-Islamismus etc.) oder schlicht darauf abzielen, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen (z. B. über Buchverkäufe oder Klicks auf Youtube).

2.    Das Prinzip gewandelter Verleugnung: Um eine esoterische VT glaubhaft zu machen, kann es eine Strategie sein, diese erst einmal zu verleugnen. Im Gegensatz zur eben erwähnten präventiven Distanzierung läuft diese Verleugnung aber darauf hinaus, sich vorgeblich – zum Teil widerwillig – von den ‚Fakten‘ der VT belehrt haben zu lassen. Mensch hat es nicht glauben wollen, aber die ‚Fakten‘ haben keine andere Schlussfolgerung zugelassen. Der rhetorische Effekt ist dabei, dass ich den Leser(inne)n und Zuhörer(inne)n meine (ursprüngliche) Fehlbarkeit zeige und dadurch Sympathien wecke, die mich seriös oder zumindest ‚glaubhaft‘ erscheinen lassen. Genau diese Strategie ist auch im erwähnten NDS-Beitrag zu erleben.

3.     Ich weiß es auch nicht besser: Ein ähnlicher Trick ist es, wenn ich betone, es auch nicht genau zu wissen. Ich mache mich damit ebenfalls ‚verletzlich‘ und ‚fehlbar‘. Gerade bei Themen, bei denen Fachwissen gefragt ist, kann ich so aber auch eine emotionale Brücke zum Publikum bauen, das aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nicht über das Fachwissen verfügt. Im Grunde lässt sich damit aus der Not eine Tugend machen, wenn ich als Fachfremder mir die notwendigen Fachkenntnisse aneignen musste. Die Botschaft dahinter: Seht her, mir ging’s auch nicht anders, ich wusste – wie Ihr – nichts, habe mich deshalb erstmal mit der Materie beschäftigen müssen und dann festgestellt, da stimmt doch was nicht.

4.     Wissenschaftlichkeit und Quellen-Autorität: Um seriös zu wirken, arbeiten esoterische VTs oft mit wissenschaftlichen Fachbegriffen. Ein gutes Beispiel für das Einkleiden in wissenschaftliche Fachbegriffe und Argumente hatte ich selbst einmal vor langer Zeit hier im Blog angesprochen, als es um den Salzboom (Himalaya-Salz) ging, was natürlich umso besser funktioniert, wenn auf nicht vorhandenes Fachwissen gebaut werden kann. Bestimmte Bezeichnungen, wie z.B. Institut und Studie sind rechtlich gesehen frei verwendbar. Ähnlich wirkt das besondere Hervorheben wissenschaftlicher Attribute, wenn also im Text ganz besonders und/oder wiederholt betont wird, dass eine Person ‚Wissenschaftler(in)‘ ist (z. B. mehrmaliger Verweis darauf, längerer Verweis auf die Forschungs-Institution, Verweis auf Literaturliste, Forschungsgegenstand oder ‚eine neue Studie‘). Das sollte erst einmal vorsichtig werden lassen und zu einer kurzen Recherche anhalten. In dem Sinne ist der Verweis auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie wissenschaftliche Publikationen ein beliebtes Stilmittel. Der Knackpunkt ist hier, dass oft die entsprechende Einordnung fehlt, so dass Dritte nur zur Kenntnis nehmen können, dass da irgendwas mit ‚Wissenschaft‘ im Zusammenhang steht. Klarzustellen ist, dass es natürlich auch in der Wissenschaft Minderheitenpositionen gibt und es fatal wäre, diese allesamt als ‚unwissenschaftlich‘ darzustellen (selbst wenn das in den Wissenschaftskreisen gerne gemacht wird). Mein Punkt hier ist aber, dass sich diese marginalisierten Wissenschaftler(innen) wohl auch selbst oft entsprechend verorten. Wenn ich z. B. im Diskurs um Wirtschaftspolitik einen Gewerkschaftsökonom, einen Marxisten oder Keynesianer habe, dann werden die sich vielleicht selbst so bezeichnen. Zumindest sind sie im Diskurs zuordenbar. Gerade bei heiklen Themen, wie sie die esoterischen VTs immer behaupten aufzugreifen, ist diese Einordnung aber notwendig. In den esoterischen VTs unterbleibt aber oft diese Einordnung. Im übelsten Falle ist es dann also Vorsatz, um davon abzulenken, dass die Quelle und Position vielleicht doch nicht so seriös sind. Im ‚einfachsten‘ Falle mag es schlicht Faulheit sein, weil die Einordnung Arbeit macht und dann vielleicht doch mehr Einarbeitung in Fachdebatten erfordert, als zur Bestätigung der eigenen Meinung notwendig ist. Egal, was zutrifft, ein Schuss ins Knie der Glaubwürdigkeit ist es dennoch. Wenn also immer wieder Wissenschaftler(innen) oder Studien zitiert werden, ohne dass eine Einordnung erfolgt, darf auch das Anlass zur Skepsis sein.

5. Tarnkappen-Argumente: Beobachten lässt sich auch die Taktik, den eigentlichen ‚verschwörerischen‘ Tobak in ‚Nebensätze‘ zu schieben oder als ‚Nebenaspekt‘ zu tarnen. Im oben erwähnten Beitrag zu 9/11 auf den Nachdenkseiten (NDS) wurde das mit der Behauptung gemacht, dass die Flugzeuge elektronisch ferngesteuert in die Wolkenkratzer flogen. Die dann weiter dahinter liegende – aber nicht ausbuchstabierte – Verschwörungsfrage hängt natürlich mit der Frage zusammen, wer (warum) die Flugzeuge (fern)gesteuert habe.

6. Wir-gegen-die-Konstruktion: Ein weiteres Merkmal von Verschwörungstheorien ist die Konstruktion von Gegensatz-Gruppen. Typischerweise sind das a) die ‚Verschwörer‘ und b) die, die die ‚Verschwörung‘ erkennen. Weil das aber zu offensichtlich ist, kann hinsichtlich a) auch verallgemeinert vom ‚Mainstream‘ gesprochen werden. Auch das ist im NDS-Beitrag zu finden – einmal direkt, aber auch indirekt darüber, wenn sich AutorInnen als ‚Märtyrer‘ darstellen. Streng genommen kann auch differenziert werden nach 1) denen, die die ‚Verschwörungsfakten‘ kennen, 2) denen, die bestimmte ‚Verschwörungsfakten‘ nicht anerkennen, ‚gehirngewaschen‘ oder schlicht (zu) ‚dumm‘ sind, und 3) denen, die zu den ‚Verschwörern‘ zählen. Wichtig ist, dass dabei oft auch eine gewisse Wertigkeit mitgeliefert wird, d.h. 3) ist klar abzulehnen, 2) wird bestenfalls bemitleidet und muss 'aufgeklärt' werden und 1) sind ganz klar die 'Guten'.

7.     Andeutungen: Esoterische Verschwörungstheoretiker sind nicht blöd und wissen, dass eine direkte Verschwörungszuweisung unseriös wirkt und wohl auch nicht oder nur sehr, sehr schwierig belegt werden kann. Es wundert daher nicht, dass die eigentliche ‚Verschwörung‘ oft nur angedeutet und im Subtext (zwischen den Zeilen) zu finden ist, sich gleichwohl aber zum Greifen nah befindet. Im erwähnten NDS-Beitrag wird z. B. nicht direkt gesagt, dass die US-Administration den Anschlag auf das WTC plante oder durchführte. Aber es wird von Manipulation der Deutungshoheit, von der vermutlichen Verstrickung des CIA, von ferngesteuerten Flugzeugen, Sprengung usw. gesprochen, die insgesamt auf genau diese Schlussfolgerung zulaufen. Ob das rhetorisches Kalkül ist, lässt sich schwer sagen. Der Effekt ist jedoch sicher nicht zum Nachteil der esoterischen VTler(innen). Es wird nichts Genaues gesagt, also auch von keiner ‚Verschwörung‘ gesprochen. Wer den entsprechenden Personen eine esoterische Verschwörungstheorie vorwirft, der oder die kann sich nicht auf handfeste belastbare Aussagen berufen. Die Weste bleibt rein.

Zu diesen Strategien tritt z. B. das Ausblenden von Gegenmeinungen oder deren Verächtlichmachung (wer die ‚offizielle‘ Version glaubt, ist halt reichlich dumm).

Als weiteres Merkmal lässt sich beobachten, dass zu bestimmten Themen auf eine Quelle oder einen Autor immer und immer bevorzugt verwiesen wird und zwar sowohl innerhalb einzelner Beiträge als auch über verschiedene Beiträge/Bücher hinweg oder sogar innerhalb der entsprechenden VT-Szene. Sarkastisch ließe sich dazu anmerken, dass dies wohl auch nicht anders sein kann, denn wenn in der Wissenschaft oder in den Medien insgesamt die Argumente einer ‚esoterischen‘ VT geteilt werden, würde es sich nicht mehr um eine ‚Verschwörung‘ handeln. Damit ließe sich auch nicht unbedingt die Aufmerksamkeit erreichen, die dann in bare Münze umgewandelt werden kann. Die VTler suchen sich folglich die Personen, Studien usw., die ihre Behauptungen stützen - und die liegen typischerweise in Randbereichen.

Das ist natürlich nichts, was nur in Kreisen von VT angetroffen werden kann. Selbst in der Wissenschaft und im Journalismus findet sich häufig das Phänomen, nur die ‚Fakten‘ und ‚Belege‘ widerzugeben, die einer bestimmten (eigenen) Denkhaltung entsprechen. Natürlich gilt auch da, dass es auf den Kontext ankommt. Gleichwohl ist es auch in Wissenschaft und Journalismus nicht gerade ein Ausweis von Seriosität, sich im schlimmsten Falle nur auf eine Quelle oder eine äußerst überschaubare Zahl an Quellen/Belegen zu berufen. Und ebenso, wie ich dann die Qualität eines wissenschaftlichen Papiers bemängle, muss ich natürlich auch bei esoterischen VTs auf diesen Mangel verweisen. Wichtig ist mir an dieser Stelle, darauf aufmerksam zu machen, dass es zur Skepsis mahnen sollte, wenn immer wieder auf bestimmte Publikationen oder Personen verwiesen wird und diese Verweise eine gewisse Exklusivität aufweisen.

Schlussbemerkung

Die Liste an Argumentationsmustern und -strategien, die auf esoterische VTs hindeuten, kann sicherlich noch erweitert werden. Ich will es bei den obigen Ausführungen belassen und mir abschließend noch ein paar Klarstellungen erlauben.

Viele der Argumentationsmuster und -strategien im Esoterik-Bereich finden sich auch im Alltag, in der Wissenschaft, Politik und im Journalismus. Nicht immer handelt es sich um Esoterik oder eine esoterische VT, aber diese Muster sind aus nahe liegenden Gründen besonders in den letzteren Bereichen anzutreffen. Die Existenz von esoterischen VT besagt ferner nicht, dass es nicht auch tatsächlich Verschwörungen gibt oder geben kann. Erinnert sei nur an das Hitler-Attentat aus den Kreisen der Nazi-Militärs, die Iran-Contra-Affäre/ Irangate oder die Powerpointshow von Colin Powell. Die zentrale Frage ist hier aber, inwiefern eine seriöse Beschäftigung damit aussehen kann.

Tatsache ist aber auch, dass die unsaubere und zum Teil dogmatische Arbeitsweise in Wissenschaft, Politik und Journalismus selbst dafür sorgt, dass esoterische VTs auf fruchtbaren Boden fallen. Und das ist das eigentliche Problem an der Sache. Wir können uns über esoterische VTs aufregen, aber in Zeiten von ‚fake news‘ und neoliberaler Propaganda drohen wir zwischen unseren ‚Doppelstandards‘ aufgerieben zu werden. Und nur, weil wir Propaganda feststellen heißt das nicht, dass die Gegenpositionen automatisch ‚besser‘, ‚wahr‘ usw. sind. Es kann sich auch schlicht um Gegenpropaganda handeln.

(Update 07.03.2017, 18:61 Uhr, stilistische Kleinigkeiten und kleine Ergänzung)

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Dies ist schon wieder ein Beitrag, den ich liebend gerne auch bei mir einstellen würde. Ist es vermessen, erneut um die Erlaubnis zu bitten?

Liebe Grüße!

P.S.: Ich würde dann lediglich den Titel ändern.

Arbo Moosberg hat gesagt…

Sorry für die verspätete Antwort. Habe hier die Kommentarmoderation etwas umgestellt und mir ist das nicht sofort aufgefallen.

Jap, wenn Du willst, kannst Du das gerne mit übernehmen - auch gerne mit anderen Titel und, falls Faselfehler auffallen, mit entsprechender Korrektur.

Aber sei vorgewarnt, das Thema ist ziemlich kontrovers - und, vielleicht ahnst Du's schon, aus der Vorarbeit bzw. Vorüberlegung zu einem anderen Thema entstanden (da kommt also ggf. noch etwas ;-) ). Außerdem überlege ich noch, das zum Anlass zu nehmen, um einen kritischen Beitrag zu Wissenschaft und Politik zu schreiben. Im letzten Absatz deute ich ja schon an, dass ich auch dort ziemliche Probleme sehe (und ehrlich gesagt wird auch so manche "linke" Argumentation mit dieser Brille kritischer einzuschätzen sein).

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

Vielen Dank. :-) - Selbstverständlich ist mir bewusst, dass dieser Beitrag einmal mehr einem Stochern mit der Eisenstange im Wespennest gleichkommt - gerade deswegen ist er ja so wichtig. Die so dringend notwendige Kritik sollten "wir" (also Menschen, die im linken, antikapitalistischen Lager hoffentlich doch irgendwie zusammenfinden) nicht den üblen Trollen wie beispielsweise dem "Herrn Karl" alias "André H." und seinen SpießgesellInnen überlassen.

Danke und liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

Dann sind wir uns ja einig. :-)

LG
Arbo